· 

Kritik - Wir sind am Leben - Weltpremiere / Autorin: Jana Diener / Foto © Jana Diener

Wir sind am Leben

 

Theater des Westens

BERLIN

21.03.2026

 

Autorin: Jana Diener

 

Foto © Jana Diener

 

Wir sind am Leben – Das neue Berlin-Musical feiert Weltpremiere

Am 21. März 2026 waren wir bei der Weltpremiere von Wir sind am Leben im Theater des Westens zu Gast. Das neue Musical von Peter Plate und Ulf Leo Sommer bringt die 90er-Jahre zurück auf die Bühne – eine Zeit zwischen Aufbruch, Chaos, Hoffnung und dem Gefühl, dass plötzlich alles möglich ist.

Schon im Vorfeld wurde klar: Dieses Stück möchte mehr sein als reine Unterhaltung. Es versteht sich als musikalisches Denkmal , für eine Zeit, für Menschen, für Geschichten, die nicht vergessen werden dürfen. Gleichzeitig verspricht es genau das, was man von Plate und Sommer kennt: Humor, Emotion und Musik, die im Kopf bleibt.

Das Musical 

Wir sind am Leben erzählt die Geschichte mehrerer Figuren, die sich im Berlin der frühen 90er Jahre begegnen – einer Stadt im Umbruch, voller Möglichkeiten, aber auch voller Unsicherheiten. Im Mittelpunkt steht dabei weniger ein einzelner Handlungsstrang, sondern vielmehr ein Geflecht aus Lebensgeschichten, die sich im Laufe des Abends miteinander verbinden.

 

Das Bühnenbild ist dabei bewusst reduziert, wirkt aber durchdacht und funktional. Mit wenigen, aber großen Elementen werden unterschiedliche Orte geschaffen, die sich auf mehreren Ebenen abspielen. Szenen finden sowohl am Boden als auch erhöht statt, wodurch eine interessante räumliche Dynamik entsteht, ohne dass das Bühnenbild überladen wirkt. Diese Schlichtheit lenkt den Fokus klar auf das, was im Zentrum steht: die Figuren und ihre Geschichten.

 

Musikalisch bleibt das Stück ganz in der Handschrift von Plate und Sommer. Moderne Sounds treffen auf bekannte Elemente, unter anderem finden sich auch Songs wieder, die ursprünglich aus dem Umfeld von Rosenstolz stammen oder daran erinnern. Jeder Charakter bekommt seinen eigenen musikalischen Moment, was dem Stück eine klare Struktur verleiht und dafür sorgt, dass jede Figur Raum zur Entfaltung erhält.

 

Besonders gelungen ist die Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit. Immer wieder lockern kleine, oft sehr treffende Gags die Handlung auf – häufig mit Bezug zur damaligen Zeit. Gleichzeitig scheut sich das Musical nicht, auch schwerere Themen anzusprechen: Verlust, Krankheit, Identität und gesellschaftliche Ausgrenzung sind fester Bestandteil der Geschichte. Gerade Themen wie Queerness, AIDS oder das Leben außerhalb gesellschaftlicher Normen werden sensibel, aber dennoch klar erzählt.

 

Einige Momente gehen dabei spürbar unter die Haut, insbesondere, wenn Figuren im Laufe der Handlung sterben. Diese Szenen sind emotional stark, bekommen aber am Ende eine Wendung, die dem Stück wieder Hoffnung verleiht und nicht in reiner Tragik endet.

Ein echtes Highlight des Abends ist der zweite Akt, wenn die Gemeinschaft rund um den „Konsum Hoffnung“ für ihr Zuhause kämpft. Diese Szene entwickelt eine enorme Energie und wird zu einem der eindrucksvollsten Momente der Inszenierung.

 

Was Wir sind am Leben besonders macht, ist die Art, wie es seine Geschichten erzählt: Viele einzelne Schicksale, die nebeneinander existieren und sich immer wieder berühren. Dabei entsteht ein sehr lebendiges Gesamtbild.

 

Das Buch von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck trägt dazu maßgeblich bei. Es schafft es, den vielen Figuren Raum zu geben, ohne dass die Handlung unübersichtlich wirkt. Jede Geschichte bekommt ihren Moment, jede Figur ihre Entwicklung – und dennoch verliert das Stück nie seinen roten Faden. Die Dialoge sind nahbar, oft humorvoll und gleichzeitig ehrlich, wodurch die Charaktere schnell greifbar werden und man sich als Zuschauer immer wieder in einzelnen Momenten wiederfindet.

 

Wenn man es einordnen möchte, ist es weniger ein klassisches „Berlin-Musical“ im Sinne einer Stadt als Hauptfigur, sondern vielmehr ein Stück über Menschen, die in dieser Zeit und an diesem Ort ihren Weg suchen. Genau darin liegt aber auch seine Stärke.

 

 

Die Besetzung

Die Figuren in Wir sind am Leben sind das Herzstück des Musicals – jede von ihnen bringt ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Träume und Konflikte mit und macht das Stück dadurch so vielschichtig und lebendig.

 

Nina (Celina dos Santos) ist eine junge Frau, die schon früh aus ihrem alten Leben ausgebrochen ist, um in Berlin ihren Traum zu verfolgen. Ihr Verhältnis zu ihrer Mutter ist schwierig, geprägt von Distanz und ungelösten Konflikten. Ihr größter Wunsch ist es, Musikerin zu werden und man spürt in jeder Szene, dass sie bereit ist, alles dafür zu geben. Sie steht für Aufbruch, Mut, aber auch für Zweifel.

 

Mario (Markus Spagl) wirkt zunächst wie jemand, der sich schwer damit tut, eigene Entscheidungen zu treffen. Er orientiert sich stark an anderen, hat Angst davor, anzuecken, und sucht Halt. Besonders seine große Schwester ist für ihn ein Vorbild, auch wenn diese das selbst oft gar nicht wahrnimmt. Seine Entwicklung im Laufe der Geschichte zeigt, wie schwer, aber auch wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu finden.

 

Rosi (Steffi Irmen), die Mutter von Nina und Mario, ist fest verwurzelt in ihrem bisherigen Leben – insbesondere in ihrem Friseursalon, der für sie weit mehr ist als nur ein Arbeitsplatz. Als sie diesen aufgeben muss, bricht für sie ein Stück Lebensgrundlage weg. Gleichzeitig wächst in ihr der Wunsch nach einem Neuanfang. Ihre Reise nach Berlin ist nicht nur der Versuch, ihre Kinder wiederzufinden, sondern auch, sich selbst noch einmal neu zu entdecken.

 

Bruno (Jörn-Felix Alt) ist eine der schillerndsten Figuren des Stücks. Er steht auf der Bühne, performt, lebt seine Persönlichkeit offen aus und bringt Glamour und Leichtigkeit in die Geschichte. Gleichzeitig trägt er eine sehr ernste Realität mit sich: seine HIV-Diagnose. Dennoch verliert er nie seine Lebensfreude und kämpft darum, nicht auf seine Krankheit reduziert zu werden. Gerade dieser Kontrast macht seine Figur besonders berührend.

 

Nando (Daniel Pohlen) bringt eine ganz eigene Geschichte mit. Er kommt aus einem anderen Land und hat bereits vor seiner Zeit in Berlin schwierige Erfahrungen gemacht. Im „Konsum Hoffnung“ findet er zunächst Halt und später auch neue Perspektiven. Sein großer Traum ist es, Tänzer zu werden, und gemeinsam mit Nina versucht er, diesem Ziel näherzukommen. Seine Entwicklung ist geprägt von Verlust, Hoffnung und neuen Chancen.

 

Ramona (Johanna Spantzel) lebt offen ihre Beziehung zu Brigitte (Lucille-Mareen Mayr). Gemeinsam träumen sie von einem gemeinsamen Leben und sogar davon, eine Familie zu gründen. Doch im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass Vorstellungen von Zukunft nicht immer übereinstimmen. Ihre Beziehung zeigt sehr ehrlich, wie komplex Liebe und gemeinsame Lebensplanung sein können.

 

Doris (Kathi Damerow) ist so etwas wie das Herz der Gemeinschaft im „Konsum Hoffnung“. Sie versucht, alle zusammenzuhalten, Konflikte zu vermeiden und für Harmonie zu sorgen. Mit ihrer ruhigen, fast schon spirituellen Art bringt sie immer wieder eine besondere Energie in die Gruppe. Gleichzeitig entwickelt sich auch für sie eine eigene Geschichte, die zeigt, dass hinter ihrer Ausgeglichenheit mehr steckt, als man zunächst vermutet.

 

Günther (Nik Breidenbach) tritt zunächst eher zurückhaltend in Erscheinung, wird aber im Laufe der Geschichte immer wichtiger und vor allem trägt er eine wichtige Message an das Publikum. Seine Begegnung mit Doris entwickelt sich auf eine Weise und beide bekommen eine wunderschöne Geschichte zusammen.

 

Das Ensemble ergänzt diese Geschichten auf beeindruckende Weise. Die Choreografien von Jonathan Huor sind energiegeladen, präzise und perfekt auf die Musik abgestimmt. Jede Tanzszene fügt sich organisch in das Gesamtbild ein und unterstreicht die Emotionen der jeweiligen Situation. Man spürt in jeder Bewegung die Energie der 90er-Jahre – roh, lebendig und voller Ausdruck.

 

 

Fazit

Wir sind am Leben ist ein Musical, das genau das schafft, was es sich vornimmt: Es erzählt von einer Zeit des Umbruchs, von Menschen, die ihren Platz suchen, und von Geschichten, die nicht vergessen werden dürfen. Dabei gelingt die Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit besonders gut – man lacht viel, wird aber immer wieder auch in ruhigere, nachdenkliche Momente gezogen.

Was den Abend besonders macht, ist die Vielzahl an Figuren, die alle ihre eigene Geschichte mitbringen und im Laufe des Stücks ihren Raum bekommen. Dadurch entsteht ein sehr lebendiges Gesamtbild, das sich nicht wie eine klassische, lineare Handlung anfühlt, sondern eher wie ein Mosaik aus Momenten, Erinnerungen und Entwicklungen.

Auch musikalisch bleibt einiges hängen – die Mischung aus neuen Songs und bekannten Elementen funktioniert gut und sorgt dafür, dass viele Szenen noch lange im Kopf bleiben.

Wenn man den Begriff „Berlin-Musical“ betrachtet, steht hier weniger die Stadt selbst im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Menschen, die in dieser Zeit in Berlin ihren Weg suchen. Der Fokus liegt klar auf den individuellen Geschichten und Beziehungen, weniger auf der Stadt als eigener Hauptfigur. Das nimmt dem Stück aber nichts von seiner Wirkung – im Gegenteil: Gerade dadurch wird es nahbar und emotional greifbar.

 

Insgesamt ist Wir sind am Leben ein modernes, vielseitiges Musical, das unterhält, berührt und gleichzeitig wichtige Themen anspricht. Ein Abend, der zum Lachen bringt, zum Nachdenken anregt und zeigt, wie viel Kraft in Geschichten steckt, die von echten Gefühlen erzählen.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0